IV TOSHAIN
2014

IV TOSHAIN: „MALEREI WAR MIR ZU LANGWEILIG“

By Teresa Schaur-Wünsch, Printausgabe, 19.03.2014

Presse2014Künstlerin Iv Toshain zielt mit Wurfsternen auf Seide und Stars. Ein Gespräch über ihre Arbeit und fehlende Erinnerung an ihre Kindheit im Irak.
An der Wand lehnen großformatige Bilder, in einem riesigen weißen Quader stapeln sich gläserne Luftballons. Ein Bild von Angelina Jolie ist von stählernen Wurfsternen durchbohrt, und von der Decke hängt an einem Leuchtstoffkörper ein schwarzer Ball mit gefährlich aussehenden Spießen. „Da“, sagt Iv Toshain mit einem Lachen, „stehe ich selbst nicht gern drunter.“ Genau das sei auch die Intention: „Man soll etwas empfinden.“
Die helle Wohnung (respektive das Atelier) liegt im obersten Stock eines alten Hauses am Rand der Josefstadt zwischen Rathaus und Café Eiles, und Iv Toshain führt bereitwillig durch die Räume. Um einen ersten Eindruck zu geben von dem, was sie so macht – und warum das, was auf den ersten Blick so unterschiedlich erscheint, doch logisch zusammenhängt.
Toshain, gebürtige Bulgarin, die in Wien studiert hat, zählt zu den jungen, umtriebigen Figuren der Wiener Kunstszene; mit ihrem Mann Matthias Makowsky hat sie etwa zweimal die Parkfair im Parkhaus Stadion Center als Künstlermesse zeitgleich zur Viennafair organisiert. (Heuer plant sie es wieder, aber an einem neuen, noch geheimen Ort). Nach Ausstellungen in Europa und den USA zeigt die 33-Jährige seit gestern in der Viertelneun Gallery erstmals ihr gesamtes Konzept. Dafür hat sie, eigentlich introvertiert, sogar einer Live-Performance zugestimmt. Seit Wochen übt sie mit ihren Wurfsternen, „und manchmal muss ich mich ziemlich ärgern, weil sie stumpf werden.“
Stars werden wieder menschlich
Mit den scharfen Stahlgebilden, die sie aus den USA oder aus Pakistan bezieht, schießt Toshain auf Bilder von Shooting Stars à la Linda Evangelista. Ein Wortspiel, aber nicht nur. Sie zielt auch auf die Ekstase der Gesichter, mit der man sonst Produkte verkauft. Durch die Verletzungen werde das Abbild, die Ikone, wieder menschlicher. Oder sie schießt auf weiße Seide (wie am Mittwochabend in der Galerie), die sich plötzlich verfärbt. Die Farben verrinnen, etwas entsteht wie von selbst. Hinter der Seide, verrät sie, stecken Farbbeutel. „Wie im Film, wenn jemand erschossen wird und das Blut plötzlich strömt.“ Die zuvor unsichtbaren Wörter, die auf einmal erscheinen, stammen aus einem Kartenspiel, das sie vor ein paar Jahren, in ihrer Fotophase, entwickelt hat. „Es sind meine Sätze“, erklärt sie, „meine Weisheiten.“
Es ist das vorläufige Ende einer Entwicklung, die mit einem Kampf begann. „Ich habe meine Bilder früher nie fertig gemalt“, schildert sie die Studienzeit. Tatsächlich habe die Malerei sie fertig gemacht. Und die Frage: Kann ich das machen, bis ich 80 bin? „Ich bin wissbegierig, die Malerei war mir zu langweilig.“ Mit 24 war sie mit dem Studium fertig; sieben Jahre rührte sie nach dem Abschluss keine Farbe an, arbeitete stattdessen mit Fotografie, Plexiglas, Skulptur. Sie möge, sagt sie, das allzu Realistische nicht. „Ich habe es am liebsten, wenn der Betrachter möglichst viel Freiraum hat. Mir geht es um Gefühle, nicht um Darstellung.“
Sie schwärmt für Geschichte, aber auch für Mathematik, Physik, Astronomie. Auf diese Art kam sie zu ihren geometrischen Formen, „grundlegenden Strukturen, die über allem stehen“. Wichtige Inspiration waren die Sterne des Hubble-Teleskops. „Ich habe sie schwarz gemacht, da haben sie plötzlich wie Einschusslöcher ausgesehen.“ Über sie kam sie zu den Wurfsternen – und am Ende wieder zur Malerei. „Cutting Edge“ nennt sie ihren Zugang: Weil er an die Grenzen gehe, und weil sie wirklich zur Klinge greift.
Wie sehr ihre eigene Vergangenheit einfließt, wurde ihr dabei erst kürzlich bewusst. Als kleines Kind hat Toshain mit ihrer Architektenfamilie im Irak gelebt. Aus dieser Zeit stammt auch die Narbe an ihrer Wange, sie hatte sich beim Spielen in einem Bunker verletzt. Erst vor Kurzem wurde ihr klar, dass das zur Zeit des Irak/Iran-Krieges war. „Ich habe“, sagt sie, „an die ersten neun Jahre meines Lebens überhaupt keine Erinnerung.“ Aber irgendwie erkläre das auch einiges.

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